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Smart City – warum Deutschlands Verschlafenheit einen interessanten Markt für smarte Lösungen aus anderen Ländern schafft

4. September 2018
Categories: Blogpost

Nüchtern betrachtet, hat Deutschland das Thema Smart City bisher schlichtweg verschlafen!  Allmählich aber begreifen auch deutsche Städte und Gemeinden, dass Smart City nichts anderes bedeutet als die Herausforderungen von Metropolen und ländlichen Regionen mit den Mitteln des digitalen Zeitalters anzugehen. Und das macht Deutschland mit seiner hohen Diversität an Städten und Gemeinden und seinen hohen Qualitätsanforderungen zu einem interessanten Absatzmarkt für Länder und Unternehmen, die Smart City schon viel früher als Chance erkannt haben.

Ich wurde im August vom regierungsnahen niederländischen Institute for Future of Living (http://instituteforfutureofliving.org/) gebeten, in kurzer Form die Smart City Entwicklung in Deutschland darzustellen. Das Institut fördert die globale Zusammenarbeit von Smart Cities. Nachfolgend die Übersetzung meines Briefings für das Institute.

1. Wirtschaftsentwicklung und Steueraufkommen

Nach einer langen Phase des Wirtschaftswachstums mit sprudelnden Steuereinnahmen hat Deutschland damit begonnen, seine auf Verschleiß gefahrene Infrastruktur zu modernisieren. Jetzt bremst die mangelnde Verfügbarkeit von Fachkräften die Modernisierung.

2. Digitalisierung in Deutschland

Deutschland tut sich mit der Digitalisierung schwer und befindet sich in Europa mit Bezug auf den Anschluss an schnelles Internet auf den hinteren Plätzen. Die neue Regierung hat einer Staatsministerin die Aufgabe übertragen, hier aufzuholen.

3. Sorge um den Planeten

a. Klimawandel

Deutschland wird sein Ziel verfehlen, die CO2 Emissionen bis zum Jahr 2020 um 40% zu reduzieren. Der politischen Entscheidung im Jahr 2011, aus der Atomenergie auszusteigen, war kein Masterplan gefolgt. Deutschland hat seine Position als visionärer Führer der Energiewende verloren und ist mit seinen vielen Braunkohlekraftwerken immer noch einer der Spitzenerzeuger von CO2. Klimaanpassungsmaßnahmen werden vielerorts durchgeführt.

B.  Neue Mobilität

Der Dieselskandal und die fortdauernde Überschreitung der Europäischen Feinstaub-Limits haben zu einer neuen Innovationsdynamik in Industrie und Städten mit dem Ziel geführt, sauberere Formen der urbanen Mobilität zu entwickeln. Viele Städte haben Probleme, die Anzahl von E-Bussen wegen Lieferengpässen zu erhöhen. Die Anzahl der Elektroautos wächst langsam. Bis zum Jahr 2030 wird das Aufladen von Elektroautos für die Stromversorgung kein Problem darstellen, mit Ausnahme der Superfast Charger.

C.  Müll

Deutschland ist in absoluten und relativen Werten einer der weltweit größten Müllerzeuger. Dieses Thema hat die politische Tagesordnung jedoch noch nicht erreicht, möglicherweise weil das Land auf Platz eins des Europäischen Rankings von Kreislaufwirtschaften steht.

4. Herausforderungen der Städte

Die größte Herausforderung der Metropolregionen besteht in der Reduzierung von Feinstaub. Bezahlbarer Wohnraum hat in schnellwachsenden Städten wie München, Frankfurt, Stuttgart, Düsseldorf, Hamburg, Berlin zum vorrangigen Problem entwickelt. Außer in Dresden, Leipzig und Halle ist die Bevölkerungsentwicklung in den Städten der Neuen Bundesländern stagnierend oder weiter rückläufig. Das Ruhrgebiet mit seinen über fünf Millionen Einwohnern und seiner Kohle-und-Stahl-Vergangenheit befindet sich immer noch im Strukturwandel, aber die Entwicklung der Städte muss Stadt für Stadt durchgeführt werden. Die Integration und Inklusion von BürgerInnen mit Migrationshintergrund ist für die genannten Städte (noch) kein allgemeines Problem.

5. Herausforderungen der ländlichen Gebiete

Der demografische Wandel, die Akademisierung und die damit einhergehenden Abwanderungen junger, gut ausgebildeter Menschen in die Städte bildet für die ländlichen Gebiete eine sehr große Herausforderung. Das gilt auch für Regionen mit hohem Bedarf an – nicht akademischen – Fachkräften. Der Online Verkauf und der Verlust an Kaufkraft führen zum Ladensterben. Inzwischen haben viele Regionen mit Hilfe von LEADER Förderprogrammen den Versuch eines Turn-arounds gestartet.

6. Smart City Entwicklungen

Deutschland hat sich erst spät mit der Smart City, das heißt einer von einer Vision und Strategie getriebenen systematischen Infrastrukturentwicklung zur Verbesserung von Lebensqualität und Innovationskraft, angefreundet. Viele Jahre wurde das Konzept der Smart City mit Blick auf Datenschutz und dem Risiko einer Abhängigkeit von Technologiefirmen kontrovers diskutiert. Förderwettbewerbe der Bundesregierung unter dem Namen „Digitale Stadt“ haben nur wenig Dynamik erzeugt. Erwähnenswerte Smart Cities sind Hamburg, Köln, München, Bonn und seit Kurzem Dortmund, wohingegen Berlin sich immer noch schwer damit tut, mehr als politische Absichtserklärungen und einige Innovationshubs zu erzeugen.

Aber allmählich entsteht eine etwas positivere Grundhaltung. Im Jahr 2017 wurde unter Leitung des Bundesumweltministeriums eine Smart City Charta erstellt. Städte wie Stuttgart, Karlsruhe, Frankfurt, Düsseldorf, Münster, Oldenburg können jetzt als Smart City Kandidaten gelistet werden.

Das Land Nordrhein-Westfalen hat im Jahr 2018 ein Programm „Digitale Modellkommune“ mit den 5 Städten Aachen, Wuppertal, Gelsenkirchen, Soest und Paderborn mit dem zugehörigen Landkreis gestartet.

7. Chancen der internationalen Zusammenarbeit

Die Zusammenarbeit mit internationalen Smart Cities eröffnet folgende Chancen:

  • Referenzen aufzeigen, statt auf abstraktem Niveau Für und Wider zu diskutieren
  • Unterschiedliche Innovationskulturen und Kulturen der Stadtentwicklung miteinander verbinden
  • Ein System der Machtkontrolle im digitalen Zeitalter (Plattformen!) entwickeln, um die kommunale Selbstbestimmung und die individuelle Freiheit im Zeitalter von Big Data zu verteidigen
  • Globale Perspektiven in der Smart City Entwicklung vor Augen haben: die Verstädterung der menschlichen Gesellschaft, Klima- und Umweltschutz

8. Noch ist Deutschland nicht verloren

Die große Diversität an kleinen, mittleren und großen Städten, gepaart mit der kommunalen Selbstbestimmung, machen Deutschland zu einer idealen Testumgebung für den Rollout vieler in europäischen Fördermaßnahmen (z.B. Horizon 2020) entwickelten Lösungen. Es werden deutsch-internationale Partnerschaften entstehen, die ihre gemeinsamen Weiterentwicklungen – gehärtet im Stahlbad deutscher Qualitätsanforderungen – global vermarkten können.

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