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ELSBETH vs MRS. YANG – oder wie aus Entwicklungsingenieuren Theaterschauspieler und Bühnenbildner wurden

30. Juli 2018
Categories: Blogpost

Vor Kurzem durfte ich einen Design Thinking Workshop mit einem Team aus Entwicklungsingenieuren eines globalen Automobilzulieferers durchführen. Die Erwartung war, im Kontext von Smart City  und  Neuer Mobilität neue Produktideen und neue strategische Ansätze zu finden, um die Zukunft des Unternehmens in einem Markt zu sichern, der nicht mehr aus  einer Milliarde parkenden Autos, sondern nur noch aus hundert Millionen fahrenden Autos bestehen wird.

Ich hatte eine Präsentation über Smart City und neue Wege der Mobilität mitgebracht sowie ein paar Folien über Digitalisierung und Design Thinking. Vor allem aber hatte ich eine große Kiste Bastelmaterial dabei. Alle hatten wir die Erwartung, nach zwei Tagen mit einem konkreten Ergebnis aus dem Workshop zu gehen, das irgendwie „WOW!“ sein sollte.

 

Am Ende des ersten Tages hatten wir eine  Moderationswand voller Zettel  mit Ideen, die sich alle irgendwie glichen oder eher in die Kategorie Produktverbesserung passten als in die Kategorie „out-of-the-box“. Und wir hatten drei Personas ausgearbeitet: den deutschen Produktmanager Karsten, die chinesische Teamleiterin Mrs. Yang und Elsbeth, die End Userin.

 

Das war OK, aber  weit entfernt von WOW! – die Zettel im MOOD SCALE waren von 50% auf 60% gerutscht. Immerhin hatte das Team zum ersten Mal über die End Userin als seine Kundin nachgedacht.

 

Für den Vormittag des zweiten Tages stand auf der Agenda „Ausarbeitung der Idee und Präsentation in Form einer Story“.  Wie aber konnte ich die Teilnehmer motivieren, aus ihren sehr abstrakten oder schüchternen Ideen mit Bastelmaterial Prototypen  zu bauen, um damit der  Idee Ausdruck  zu verleihen? Bisher hatten sie um den Tisch, auf dem ich von Anfang an das ganze bunte Material ausgebreitet hatte, einen großen Bogen gemacht.

 

Wir fingen mit der  Story  an. Die Teams bekamen die Aufgabe, die Geschichte eines End Users zu entwickeln, der sich mit Hilfe der neuen Features für ein neues Auto, bzw. ein neues Mobilitätsangebot interessieren lässt. Die Story sollte einen Grund wiedergeben, einen Helden haben, einen Konflikt als Auslöser benennen und emotional sein. Und hoppla! – Die Ingenieure (!) entwickelten nicht nur (vorerst kleine einfache) Geschichten. Die Vortragenden aus den drei Teams bauten ganz natürliche Gesten in ihre Wiedergabe ein, bewegten sich und  schufen sich damit selber eine kleine Bühne, ohne dass das Teil der  ursprünglichen Aufgabe gewesen war. Es ergab sich einfach so.

 

Plötzlich gab es einen  Lacher  – die Story hatte gezündet! Da kam mir die Idee, die      Customer Story als szenische Wiedergabe  weiter zu entwickeln. Die Teams sollten sich dafür fünf Accessoires oder Requisiten bauen. – Und siehe da: alle stürzten sich auf den großen Basteltisch und schnitten, formten, malten, klebten, banden mit größtem Eifer und höchster Konzentration. Der  Spaßfaktor  schoss auf der Richterskala auf die 10 und pegelte sich dort ein.

 

Nach anderthalb Stunden hatten wir – Prototypen!

 

Die drei Theaterstücke wurden vorgeführt – totale Gaudi! Der Faktor Emotion als wichtiger Teil der Story und noch viel wichtiger: als Teil des Produktangebotes war auf wunderbare Weise realisiert worden (und das von Ingenieurinnen und Ingenieuren!) Es ergab sich nun, dass die drei Stücke ganz einfach in eine einzige Darstellung zusammengeführt werden konnten.

 

Jetzt hatten wir eine Customer Story mit einem Dutzend Requisiten, worunter vier Prototypen und die Frage „Wie begeistere ich meinen Stakeholder?“ war gleich mitbeantwortet – das   perfekte Narrativ!

 

Mit der szenischen und plastischen Story vor Augen ergab sich mit einem Mal ein Muster mit einem  ganzheitlichen Sinn.  Innerhalb einer halben Stunde konnten wir daraufhin eine neue Vision für das Unternehmen ausformulieren. Gleichzeitig hatten wir einen Markennamen und einen Slogan  gefunden.  Die Stichworte vom Vortag, die noch chaotisch an der Moderationswand hingen, purzelten jetzt quasi von alleine in die Kategorien „Kundenwert“, „Technische Komponente“, „Technisches Feature“ und bauten plötzlich auf einander auf. –

 

Wir hatten alle das Gefühl, eine Schallmauer durchbrochen zu haben. – WOW!

 

PS: Zwei Tage später wurde ich von  der LinkedIn Gruppe ITS-Intelligent Transport Systems gebeten, einen Diskussionsbeitrag zum Thema User Centric Mobility zu leisten. Zum Glück kannte ich den Begriff vor dem Workshop noch nicht. Er hätte die Ingenieure nicht dazu animiert, ein Theaterstück zu konzipieren und aufzuführen.

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1 Comment

  1. Ingrid

    31. Juli 2018 at 18:03

    Welch grandiose Story aus einem Workshop, mit dem es hohe, schier unerreichbare Ziele zu erreichen galt.
    Es wäre natürlich aus Sicht einer Endkundin extrem spannend zu hören, welche künftigen Kundenerlebnisse hier entwickelt wurden, aber schon klar, das ist Betriebsgeheimnis;-)

    Vielleicht tönt eines der Kundenerlebnisse so emotional wie “1000 Songs in deiner Hosentasche”? Mit dem Apple den Musikmarkt disruptiv verändert hat? Das muss es fast sein, schloss der Workshop doch mit einem Wow! ab!

    Meine Erkenntnisse aus dem Blog:
    Storytelling hilft Unternehmen als nicht nur als starkes PR-Instrument, indem sie sich im Wettbewerb gegenüber anderen Unternehmen langfristig differenzieren…

    Es hilft nicht nur, sich bei den Stakeholdern emotional zu verankern…

    Es hilft nicht nur, Projekte in den Unternehmen zu integrieren…

    Storytelling hilft sogar rational und nüchtern denkenden Ingenieuren aus einem B2B-Betrieb, ein künftiges Kundenerlebnis möglichst detailliert zu beschreiben und dadurch Visionen zu entwickeln.

    Vielleicht hören wir ja mit der Einführung der visionären Automobil-Lösung noch einmal von diesem Bastel-Workshop in Form einer grandiosen Story.

    Ich freu mich drauf!