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DIGITALISIERUNG ODER DIE KUNST DES VERSTEHENS

28. Mai 2018
Categories: Blogpost

Erfahren Sie, weshalb Sie sich glücklich schätzen können, in der Schule gelernt zu haben, einen Aufsatz zu schreiben, warum diese Fähigkeit bei Smart Street Lighting hilft und  was das alles mit der Digitalisierung zu tun hat.

Plötzlich sind sie alle dabei sich zu digitalisieren.  Kommunen, Stadtwerke, Unternehmen. Und sie haben ja recht: die Digitalisierung findet statt, mit oder ohne eigenes Zutun. Sich digitalisieren bzw. die digitale Transformation zu starten geht aber mit dem Anspruch der Gestaltung einher. Gestalten wiederum heißt: verstehen, auswählen, integrieren, testen, modifizieren….

Wir beschäftigen uns mal näher mit dem Begriff Verstehen.

VERSTEHEN

Beim Verstehen geht es grundsätzlich um die Frage, was es zu verstehen gilt: eine Problemstellung, einen Kundenbedarf oder eine Softwarelösung. Man geht ja logischerweise davon aus, dass jemand aufgrund eines Problems nach einer Lösung sucht. Eigentlich. – In der digitalen Realität suchen aber eher zig innovative Lösungen einen Anwendungsfall.

Was gilt es zu verstehen: eine Problemstellung, einen Kundenbedarf oder eine Softwarelösung?

Groß im Trend ist im Moment Smart Street Lighting, die intelligente Straßenlaterne, die je nach Verkehrs- und Fußgängeraufkommen das Licht von alleine rauf- und runterregelt, Luftverschmutzung messen kann, einen WLAN-Hotspot anbietet und zur Not auch noch ein Elektroauto auflädt. Irgendwie cool, sichtbar und damit Aufmerksamkeit heischend: ein Türöffner! Alles nicht verkehrt: aber zumindest ein gedanklicher Rahmen, worin der Mehrwert für die Stadtgesellschaft liegen soll, was man mit der gewonnenen Aufmerksamkeit anfangen will, welche Tür denn aufgehen sollte, wäre sicherlich sinnvoll.

Um verstanden zu werden, müssen wir erzählen. Um zu verstehen, müssen wir auch erzählen.

Dieser gedankliche Rahmen sollte die Grundzüge einer Story aufweisen. Die Story liefert nicht in erster Linie Informationen, sondern erreicht vor allem die Herzen der Menschen. In der Story begegnen sich die Erzählerin und der Zuhörer nicht nur inhaltlich, sondern auch durch den Akt des Erzählens, des Story Tellings. Die Story schafft einen Resonanzraum: sie lädt zur Kommunikation, zum Nachfragen, zum Nach-  und Weitererzählen ein. Mit diesen Begriffen könnte man gleichermaßen den Prozess des Verstehens, bzw. der Verständigung umreißen. Einen Menschen verstehen bedeutet, sich mit ihm in einem Verständigungsprozess auseinanderzusetzen, sich auf ihn einzulassen, mit ihm eine gemeinsame Geschichte zu entwickeln.

Story Telling ist kein neues Werbeformat, sondern die Grundvoraussetzung für das Gelingen komplexer Innovationsprozesse.

Sie meinen jetzt, dass das alles doch sehr philosophisch klinge? Oder Sie meinen alternativ: Story Telling ist doch einfach eine andere Art, Werbung zu betreiben? – Also: die Customer Story, die Geschichte, die das Kundenproblem, bzw. den Kundenwunsch im Kontext einer Situationsschilderung erzählt (und nicht nur benennt), kommt aus der Softwareentwicklung. Wayne Pales, der in Hong Kong den Smart Meter ausgerollt hat und kürzlich das Buch THE DIGITAL UTILITY geschrieben hat, stellt die Entwicklung der Story in den Mittelpunkt der Digitalisierungsstrategie.  Ingo Radermacher führt in seinem Buch DIGITALISIERUNG SELBST DENKEN aus, wie wichtig klassische Bildung und traditionelle Kulturtechniken (einen Aufsatz schreiben…) sind, um unser Urteilsvermögen zu trainieren. Ein Urteilsvermögen, das wir dringend benötigen, um im digitalen Zeitalter beurteilen zu können, was wir wollen, was wir brauchen, und worauf wir besser verzichten sollten, also unsere Selbstbestimmung zu behaupten.  Sehr empfehlenswert auch das Buch von Richard David Precht – Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft, v.a. das Kapitel Geschichten statt Pläne – die Rückkehr des Politischen.

Geschichten erzählen von Situationen. Entscheidungen werden situationsabhängig getroffen. Wir lernen mit Geschichten, zu beurteilen und zu entscheiden.

Menschen, ihr Wünschen und Wollen, ihre Hoffnungen und Ängste verstehen ist also weitaus komplexer, als nur einen Bedarf zu analysieren. Weil wir aber alle Menschen sind, beherrschen wir das Verstehen intuitiv. OK – nur weil wir die Menschen verstehen, können wir noch keine perfekten Aufsätze schreiben, bzw. Stories erzählen. Aber für letzteres gibt es ja Leute wie mich, die Ihnen dabei gerne Unterstützung anbieten.

Nachdem wir uns gemeinsam mit unseren aktiven Zuhörern das Verständnis erarbeitet haben, was die Menschen umtreibt (das heißt: in unserem Sektor ärgert, erschreckt, anspornt….), können wir auch beurteilen, welche Softwareapplikationen sich eignen, die Menschen in ihrem für uns relevanten Handeln zu unterstützen. Ich spreche ganz bewusst nicht von Lösungen, denn die wenigsten Probleme lassen sich (mal eben) lösen und damit beseitigen.

Die besten Stories sind die selbst erlebten….

Und was heißt das jetzt für Ihr Smart Lighting Projekt? Laden Sie die Anwohnerinnen und Anwohner der von Ihnen bevorzugten Teststraße zu sich ins Stadtwerk ein. Und dann erzählen Sie, wie Sie beim jüngsten Smart City Kongress die Gelegenheit hatten, bei – 20°C selber eine Smart Lighting Testinstallation zu besuchen, welche Gedanken Ihnen dabei durch den Kopf gingen (uarrg …hätte eine Demo im warmen Kongresssaal nicht völlig ausgereicht….?), ob denn all die Features wirklich Sinn machen….Ihrem Bürgermeister erzählen Sie, wie die eingeladenen Gäste die Story weitergesponnen und zu ihrer eigenen Geschichte gemacht haben, wie sie damit ihre Insekten und Fledermäuse schützen wollen, wieviel Licht der Mensch nachts wirklich für einen ruhigen Schlaf brauche… Und der Bürgermeister erzählt dem Stadtrat, wie begeistert Sie ihm von der Erfahrung berichtet haben, gemeinsam mit den Menschen eine Innovation in ihrer Nachbarschaft zu gestalten.

Zusammengefasst: bevor Sie verstehen, ob eine Softwarelösung gut oder schlecht, sinnvoll oder nicht sinnvoll ist, müssen Sie die Menschen verstehen, für die sie einen Wert schaffen soll.

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